Michael Martin
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Die Sahara erstreckt sich vom Atlantik im Westen über mehr als 6.000 km zum Roten Meer im Osten, von der Küstenzone des Mittelmeers und den Südhängen des Atlas im Norden über rund 2.000 km bis zur Sahelzone im Süden. Knapp ein Dutzend Staaten haben Anteil an ihr: Marokko, Westsahara, Mauretanien, Mali, Algerien, Tunesien, Libyen, Niger, Tschad, Sudan, Ägypten. Die Sahara trennt die mediterrane Welt von Schwarzafrika. Aufgrund ihrer Größe und Bedeutung nennen Geographen sie einem Wüstenkontinent.
Die Sahara ist eine typische Wendekreiswüste. Ihr in jeder Hinsicht extremes Klima wird durch ihre Lage beidseits des nördlichen Wendekreises bestimmt. Im westlichen Mauretanien kommt noch die Nachbarschaft zum kalten Kanarenstrom hinzu.
Ein meist wolkenfreier Himmel mit einer Sonnenscheindauer von 4.000 Stunden jährlich, ein dauernd hoher Sonnenstand, geringe relative Luftfeuchtigkeit und fehlende Vegetation machen die Sahara zum heißesten Gebiet größeren Umfangs auf der Erde. Die Sommertemperaturen erreichen bei starken tageszeitlichen Schwankungen mittlere Maxima von über 45º C, in der algerischen Oase In Salah wurden 55º C im Schatten gemessen. Da Bewölkung und Vegetation fehlen, kommt es zu extremer nächtlicher Abkühlung; die Schwankung kann an einem Tag bis zu 50º C tragen.

Die Sahara
Die Temperaturentwicklung ist starken tageszeitlichen und – in noch größerem Maße – jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Im Winter steigen die Temperaturen in der zentralen Sahara oft nicht über 15º C, vor allem in den Gebirgsregionen können sie nachts bis auf -20º C fallen. Jeder Saharareisende wird dem arabischen Sprichwort Recht geben: Die Sahara ist ein heißes Land, in dem es sehr kalt wird.
Die nächtliche Auskühlung führt zu Bodeninversion: Die Temperatur nimmt mit der Höhe nicht ab, sondern zu. Dadurch stabilisieren sich die unteren, abgekühlten und sozusagen isolierten Luftschichten -Ursache für die Windstille vieler Saharanächte. In den frühen Morgenstunden bewirkt die bodennahe Erwärmung eine rasche Auflösung der Bodeninversion, und der Wind setzt wieder ein. Lange vor dem Sonnenhöchststand haben sich die bodennahen Schichten so erwärmt, dass die Temperatur mit zunehmender Höhe stark absinkt. Die heiße bodennahe Luft steigt in Konvektionsblasen von unten hoch. Optisch wird dieses Phänomen durch das Flimmern der Luft erkennbar. Entfernte Objekte scheinen näher gerückt und infolge der fasrigen Konvektionsstreifen aus Wasserflächen herauszuragen. Es entsteht ein fiktiver Horizont. Diese Sinnestäuschung hat als Fata Morgana schon viele Filme und Bücher bereichert.
Die relative Luftfeuchtigkeit erreicht Rekordwerte von drei bis fünf Prozent, die potentielle Verdunstung liegt in manchen Teilen der östlichen Zentralsahara bei 6.000 mm jährlich. Zur Veranschaulichung: Ein sechs Meter tiefes Wasserbecken wäre dort in einem Jahr verdunstet. Daher erreichen schwache Niederschläge oft erst gar nicht den Boden, sondern verdunsten bereits einige 100 m über der Oberfläche. Regen, der Pflanzenwuchs ermöglicht, muss mindestens 5 mm Niederschlag bringen.
In allen Gebieten wird die ausdörrende Wirkung der Luft durch den Wind verstärkt, der ständig neue trockene Luft heranführt. Nirgendwo in der Sahara gibt es mehr als 30 windstille Tage im Jahr. In der übrigen Zeit wehen richtungs- und geschwindigkeitsbeständige Winde. Die gefürchteten Sandstürme sind auf die heiße Jahreszeit konzentriert. Der in vielen Regionen als Harmattan bezeichnete Nordostpassat hat seine Ursache im Druckausgleich zwischen der subtropischen Hochdruckzelle über der Sahara und der Tiefdruckrinne über dem Äquator. Die durch die Erddrehung hervorgerufene Corioliskraft lenkt ihn ab und lässt ihn in der Sahara beständig aus Nordost wehen. Darüber hinaus gibt es je nach Jahreszeit und Region zahlreiche lokale Winde, die unter den Namen Chamsin, Schirokko, Halub und Ghibli bekannt sind.
Aus geologischer Sicht ist die Sahara ein 200 bis 500 m ü. NN gelegenes Tafelland mit weiten Becken und Senken, das im Innern von den Gebirgsmassiven des Hoggar und Tibesti überragt wird. Daran schließen sich nach Süden Bergländer wie das Air und das Adrar der Iforas an. Der nordöstliche Teil steigt nach Süden an und erreicht im Djebel Uweinat eine Höhe von fast 2.000 m. Südlich davon erhebt sich das Bergland des Ennedi. Östlich des Niltals, in der Arabischen und Nubischen Wüste, ist das Land aufgewölbt und bricht dann steil zum Roten Meer hin ab.
Der kristalline Untergrund, der in den Gebirgen und Schwellen zu Tage tritt, ist weitgehend von Sedimenten sowie vulkanischen Decken überlagert und von Basaltschloten durchstoßen. Mit Gesteinschutt bedeckte Ebenen, die »Hammadas«, bestimmen ebenso wie Geröll- und Kieswüsten (»Reg« bzw. »Serir«) das Landschaftsbild. In weiten Becken hat der Wind Sandmassen aus Flüssen und zerfallenem Gesteinschutt zu Dünengebieten zusammengeweht. In den meist abflusslosen Becken und Senken sind, besonders in der nördlichen Sahara, Salzsümpfe und Salzpfannen verbreitet. Mit dem Nil und dem Niger fließen zwei permanente Flüsse, wobei der Nil die Sahara von Süden nach Norden durchquert, der Niger sie in einem großen Bogen nur tangiert.
Geographen haben immer wieder versucht, den gewaltigen Sahararaum einzuteilen. Eine Zweiteilung entlang der Breitengrade liegt nahe, und so spricht man nördlich des 25. Breitengrads von der Nordsahara, südlich von der Südsahara. Klimatisch unterscheiden die beiden Teile sich darin, dass etwaiger Regen im Norden in den Wintermonaten, im Süden während des Sommers fällt.
Eine weitere Zweiteilung ist die in eine Ost- und Westhälfte bei 10º östlicher Länge. An diesem Längengrad wechselt die Küste sowohl im Norden (Syrte) als auch im Süden (Kamerun) schroff die Richtung, so dass sich die Zweiteilung in die Struktur des Erdteils einfügt. Der Ostteil ist im Ganzen flacher und noch trockener als der Westteil, und so liegt im Ostteil auch der trockenste Teil der Sahara – das hyperaride Zentrum der libysch-ägyptischen Wüste.
Heinrich Schiffers, Herausgeber des bislang umfangreichsten Werks über die Sahara in deutscher Sprache, teilt die Sahara in einen westlichen, mittleren und östlichen Teil ein. Die westliche Sahara umfasst den Teil zwischen dem Atlantik und den Vorländern der zentralen Gebirge; es sind Hochflächen, die von der Küstenebene nach Osten auf 400 m ansteigen. Im Süden des Hohen Atlas liegen die Tafilalet-Oasen, der Ort, an dem viele Europäer, darunter im Jahre 1982 auch ich, zum ersten Mal der Sahara begegnen. An Trostlosigkeit kaum zu übertreffen sind die Serirflächen des Tanezrouft im Südwesten Algeriens, in deren Westen sich das Sandmeer des Erg Chech erstreckt. Nordwestlich von Timbuktu befindet sich der erst Mitte der 1950er-Jahre erforschte sandige El Dschuf.
Im Innern der westlichen Sahara gibt es keinerlei Siedlungen, mit einer einzigen Ausnahme: Taoudenni, das einst an der Hauptkarawanenstraße von Marokko nach Timbuktu lag. Im Süden geht die westliche Sahara mit einem Halbwüstenstreifen von Senegal bis zum Nigerbogen in die Savanne der Sahel-Sudan-Zone über.
Die Zentralsahara wird vom Hoggar- und Tibestimassiv dominiert. Beide sind sie über 3.000 m hoch und beherbergen in ihren Tälern zahlreiche Oasen. Im Südwesten bzw. Süden des Hoggar-Gebirges, das von weitläufigen Tassilis (Plateaulandschaften) umgeben ist, sind das Adrar der Iforas und das Air-Gebirge vorgelagert. Zwischen dem Air-Gebirge und dem Tibesti-Gebirge liegt das frühere Becken des Paläotschad mit dem Erg du Bilma. Dieser erstreckt sich vom Tibesti-Gebirge 750 km weit bis zum Air-Gebirge und umfasst eine Fläche von 350.000 km², wobei der berühmte Erg du Ténéré seinen Nordwestteil darstellt. Der Tschadsee ist der Rest des einst so mächtigen Paläotschad.
Die Nordhälfte der Zentralsahara beherrschen vier große Dünengebiete, das Große Westliche und Große Östliche Erg in Algerien sowie das Edeyen von Ubari und das Edeyen von Murzuk in Libyen. Am Rand dieser Dünenmeere finden sich bedeutende Oasenketten wie der libysche Fezzan.
Die östliche Sahara stellt eine weithin gleichförmige Hochfläche dar, in die mehrere große Oasenniederungen eingebettet sind. Im Süden, zwischen Tibesti und Nil, bilden sie eine riesige Sandsteinhochebene, die durch einige Tafelberge belebt wird. Weiter nördlich liegen die Tafelberglandschaft von Kufra mit ihren kleinen isolierten Oasenniederungen, ferner trostlose Serirstrecken, die mit Dünen besetzten Flächen der Libyschen Sandsee und das Gebiet der ägyptischen Senken mit den Oasen Bahariya, Dakhla und El Kharga. Auch im Norden verläuft in westöstlicher Richtung eine Senkungszone mit einer Anzahl Oasen, deren bekannteste Siwa ist. Zu dieser Senke gehört die Kattara-Depression, mit 133 m u. NN der tiefste Punkt der Sahara. Den Ostsaum des Plateaus durchzieht das Niltal, das einer tektonischen Linie folgt. Die Plateaus brechen hier stufenförmig oder mit einheitlichem Steilhang 100 bis 140 m tief ab. Stellenweise hat die Erosion des Flusses das widerständige Gestein des kristallinen Unterbaus erreicht. So sind zwischen Karthum und Assuan die sechs Nilkatarakte entstanden. Kein Absatz!
Östlich des Niltals, in der Arabischen und in der Nubischen Wüste, steigt die Landoberfläche allmählich bis auf 2.500 m an und fällt dann steil nach Osten hin ab. Diese Randschwelle ist stark zertalt und zeichnet sich infolge der etwas höheren Niederschläge durch eine steppenhafte Vegetation aus.
Dem Klimawandel der Sahara, der zeitweise sogar Savannenlandschaften ermöglicht hat, in denen Jäger- und Sammlerkulturen lebten, ist ein eigener Beitrag von Klaus Gießner gewidmet. Aktuell wird seit den 1990er-Jahren ein Anstieg der Niederschläge beobachtet. Wie es scheint, ist er nicht unbedingt auf die weltweite Erwärmung zurückzuführen, die sich aus dem Treibhauseffekt ergibt. Vielmehr dürfte es sich um natürliche Schwankungen der Niederschlagsmenge handeln, die Mitte der 1970er- und 1980er-Jahre zu den verheerenden Dürren im Sahel geführt haben.
Insgesamt leben in der Sahara etwa 2,5 Millionen Menschen, zum größeren Teil Oasenbewohner. Die Scheidelinie ist der 25. Breitengrad: Die 4,4 Mio. km² große Südsahara weist zwar 36 Orte auf, doch nur gut 100.000 Bewohner, und die Hälfte von ihnen entfällt auf die sechs Orte Zouerate, Atar, Tamanrasset, Agadez, Bardai und Arlit. Hingegen zeichnet sich die Nordhälfte der Sahara mit ihren Oasenketten durch wesentlich höhere Bevölkerungszahlen aus, zumal im Gefolge der Ölfunde Städte entstanden sind wie beispielsweise Hassi Messaoud.
In Bezug auf die ethnische Verteilung lässt sich die Sahara in drei große Bereiche einteilen: den arabischen bzw. arabophonen Bereich (viele Bewohner sind Arabisch sprechende Berber), das Tuareg- und das Tubugebiet.
Die Arabisch sprechende Bevölkerung lebt im Norden und Westen des Tuareggebiets, von Ägypten bis zum Atlantik, in den saharischen Teilen Libyens, Tunesiens, Algeriens, Marokkos und Mauretaniens. Ferner wird Arabisch in einem südlichen Streifen gesprochen, der vom Nil zum Tschad reicht. Die zweite Gruppe stellen die Tuareg dar, die im Hoggar, im Tassili n’Ajjer und im Air-Gebirge, aber auch bis zum Nigerbogen in Mali leben. Ihnen sind auch die negriden Bela zuzurechnen, welche die Tuaregsprache Tamashek sprechen. Die Tubu sind zwischen dem Tschadsee und dem Tibesti-Gebirge, in Borku und bis ins libysche Kufra hinauf anzutreffen.
Das einigende Band der Saharavölker ist der Islam, ansonsten gibt es zwischen den einzelnen Völkern der Sahara wenig Verbindendes, Mischehen sind beispielsweise selten. Kaum wird man Mauren und Tuareg gemeinsam Tee trinken sehen, wenngleich sich beide vermutlich mit Hilfe der Verkehrssprache Französisch verständigen könnten. Und obwohl sie vielleicht im selben Land leben, werden sie sich immer zuerst als Maure oder Tuareg und nicht als Bürger eines bestimmten Staates fühlen.
Noch vor 20 Jahren gab die Saharaliteratur an, dass 60 Prozent der Bevölkerung Oasenbewohner seien, die übrigen Nomaden. Der Anteil der Nomaden dürfte inzwischen erheblich gesunken sein. Viele Nomaden haben sich in den Oasen niedergelassen, in denen sie oftmals Land oder Datteln besaßen, oder sie sind als Dürreflüchtlinge in den Hauptstädten der südlichen Saharaländer gestrandet. Dennoch leben nach wie vor hunderttausende Nomaden in der Sahara. In den Tälern des Ennedi, Tibesti, Air und Adrar der Iforas ist Nomadismus die einzige Überlebensmöglichkeit. Die Sahara gehört neben den Wüsten Zentralasiens zu den letzten Gebieten auf der Erde, wo Nomadismus als eine den naturräumlichen Bedingungen optimal angepasste Lebensweise noch existiert – und dies trotz aller Versuche der Regierungen, die »Nomadenfrage« durch Sesshaftmachung ein für allemal zu lösen.